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Dr. Casimir Bumiller                                                                                                              Festvortrag zur 725. Jubiläum der Sulzer Stadtgründung am 26.10.2009

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Wir (Sulzer) Bürger

Provinzielle Gedanken zu einem universellen Thema

 

 

Am 17. Oktober 1581 überquerte ein Orientreisender, von Venedig kommend, den Brenner, den er wegen der großen Kälte eher als „Frierer" empfand, und erreichte am späten Abend Innsbruck. Die Welt war auch damals schon klein, und so stieß er in der Herberge auf eine Reisegesellschaft, die mit dem Markgrafen Jakob von Baden in umgekehrter Richtung nach Italien unterwegs war. Der zum badischen Gefolge gehörende Junker Josua Scheer von Schwarzenburg berichtete dem Heimkehrer im Gespräch von der leidige(n) Brunst meiner Heimet zu Sultz (333), also von der großen Brandkatastrophe, die Sulz wenige Monate zuvor heimgesucht hatte. Diese Nachricht beflügelte den Reisenden zu größerer Eile. Über Landsberg, Augsburg und Esslingen erreichte er am 10. November 1581 württembergischen Boden. Da sein gnädiger Fürst und Herr, der Herzog Ludwig, dem er Bericht erstatten wollte, aber bei Pfullingen der Schweinhatz oblag und keine Zeit für den Weltreisenden hatte, begehrte er erlaubnus mein Mutter vnd Freund zu Sultz heim zu suchen, welches ihr Fürstl. G[naden] gnedig bewilligt. Und so kehrte der Abenteurer um den 11. oder 12. November 1581 frisch vnd gesund in mein liebes Vatterland zu den meinigen zurück. Der Wortlaut des Berichts lässt offen, ob der Heimkehrer mit der Vokabel „Vatterland" das Herzogtum Württemberg oder eher seine Heimatstadt Sulz meint. Ein „Vatterland" im wörtlichen Sinn war aber Sulz für den Heimkehrer zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr. Denn sein Vater Heinrich Schweickher war im Jahr 1579 gestorben, während der Sohn im Orient weilte.

 

Damit ist der große Name ausgesprochen. Der Orientreisende, von dem hier die Rede ist, war kein Geringerer als Salomon Schweigger (1551-1622), der in den Jahren 1578 bis 1581 als Gesandtschaftsprediger im Gefolge des österreichischen Botschafters Freiherr Joachim von Sinzendorf an der Hohen Pforte in Istanbul verbracht hatte. Was veranlasste Salomon Schweigger aber, die Stadt Sulz als seine „Heimet" und sein „Vatterland" zu betrachten, und was berechtigt uns heute eigentlich, den bedeutenden Reiseschriftsteller als „berühmten Sulzer" zu vereinnahmen? Denn bei Licht betrachtet ist Salomon Schweigger weder in Sulz geboren noch hat er hier gewirkt noch ist er hier gestorben. Zur Welt kam er 1551 in Haigerloch, weil sein Vater dort zeitweilig als Gerichtsschreiber tätig war. Zwar verlebte er dann einen Teil seiner Jugend in Sulz, nur aber, um schon 1572 zum Theologiestudium nach Tübingen zu wechseln. 1576 zog er nach Österreich, wo er mit Erfolg auf eine Gelegenheit wartete, seine Orientsehnsucht befriedigen zu können. Nach der Rückkehr aus dem Reich der Osmanen war er zunächst im württembergischen Kirchendienst tätig, wechselte 1589 nach Franken und war von 1605 bis zu seinem Tod 1622 Prediger an der Nürnberger Frauenkirche. Salomon Schweigger - ein Sulzer also?

 

Als der Orientliebhaber im Jahr 1608 - 20 Jahre nach seiner Reise - seine Reisebeschreibung nach Konstantinopel und Jerusalem im Druck heraus gab, unterzeichnete er sein Vorwort mit Salomon Schweigger von Sultz im Fürstenthumb Wirtenberg. Auch eine Kupfervignette mit seinem Porträt aus gleicher Zeit weist Schweigger als von Sultz aus (Sulz 305 u. 308), und noch seine Grabinschrift enthielt den Hinweis auf den geburtsort Sultz im Fürstenthumb Würtenberg. Es besteht also kein Zweifel, Salomon Schweigger hat sich selbst bis an sein Lebensende immer als Sulzer empfunden. Was war aber die Grundlage dieses Herkunftsbewusstseins? Als Schweigger im November 1581 Sulz besuchte, war dies bei aller Wiedersehensfreude ein trauriger Anlass: Er erfuhr, dass sein Vater vor zwei Jahren verstorben war und er stand auf den Trümmern seines abgebrannten Elternhauses, das die Mutter gerade wieder aufbaute. Dennoch lagen hier seine Wurzeln, er apostrophiert Sulz als seine „Heimet" und sein „Vatterland". Hier lebten seine Freunde, Bekannten und Verwandten. Und diese Verwandtschaft war verzweigt und trug einen guten Namen. Seit wenigstens 200 Jahren war der Name Schweickher in Sulz eingebürgert, Angehörige des Geschlechts dienten der Stadt als Vögte, Bürgermeister, Rats- und Gerichtsherren. Salomons verstorbener Vater hatte sich 1575 einen Namen als Schöpfer des ersten Atlas von Württemberg gemacht. Salomon trug also im Herzogtum einen bekannten Namen. Er gehörte einem alteingesessenen Geschlecht an, er war Teil der Sulzer „Gesellschaft", Teil des diese Stadt prägenden Standes. Er war Angehöriger eines selbstbewussten (Sulzer) Bürgertums.

 

Mit dem Stichwort Bürgertum erlangen unsere Überlegungen sozusagen eine weitere Dimension, denn „Bürgertum" ist eine historische Kategorie von universeller Bedeutung. Bis sich dieses bürgerliche Standesbewusstsein herausgebildet hatte oder bis man gar von einer „bürgerlichen Gesellschaft" sprechen konnte, war ein langer Weg. Die Entstehung des Bürgertums geht ins Hochmittelalter zurück und ist untrennbar verbunden mit der Entstehung unserer Städte. Sie ist Teil eines gesamteuropäischen Zivilisationsschrittes: der Urbanisierung einer bis dahin ausschließlich agrarisch geprägten Feudalgesellschaft. Die Entstehung der Städtelandschaft vollzog sich in der Zeit zwischen etwa 1100 und 1300. Die Gründung der Stadt Sulz im Jahr 1284 war ein bescheidener und später Beitrag zu dieser Entwicklung. In einer ersten Gründungswelle seit dem späten 11. Jahrhundert wurden allmählich gewachsene präurbane Zentren, häufig mit römischen Wurzeln und kirchlichen Zentralfunktionen versehen, zu Städten erhoben (so Augsburg, Konstanz, Basel oder Straßburg, aber auch Rottweil). Im Zuge dieser ersten Gründungswelle entstanden auch zahlreiche Gründungsstädte „auf grüner Wiese", so als berühmtes Beispiel Freiburg 1120. Diese bedeutenden frühen Städte wiesen den Weg und wurden zu Modellen für alle nachfolgenden Stadtgründungen. So wurde das Freiburger Recht etwa zum Vorbild für alle teckischen Stadtgründungen (so für Kirchheim und Oberndorf), aber auch für Sulz.

 

Das 13. Jahrhundert war die große Zeit der landesherrlichen Gründungsstädte, und zwar in drei Wellen. Der ersten zögerlichen Gründungswelle vor 1250 gehören relativ wenige Städte an, so Kirchheim/Teck, in unserem Raum aber auch Haigerloch, Oberndorf und Rosenfeld. Zur zweiten Welle zwischen 1250 und 1275 zählen die meisten Städte Baden-Württembergs, in der Nachbarschaft z.B. Hechingen, Balingen, Schömberg, Dornhan oder Schiltach. Und in die letzte Welle, sozusagen eine Nachzüglerphase, fallen die Gründungen nach 1275, also Städte wie Rottenburg und Sulz, aber auch viele Städte, die es nicht „gepackt" haben, so Herrenzimmern oder Heiningen auf der Alb, das übrigens 1284 gemeinsam mit Sulz privilegiert wurde. Sulz gehört also zu den späten Städten in diesem Gründungskarrussell, sozusagen zu den „Lass-mi-au-mit"-Gründungen.

 

Was geschah eigentlich genau mit dem Ort Sulz, als Heinrich von Geroldseck und seine Söhne Walther und Hermann am 26. Oktober 1284 von König Rudolf von Habsburg für diese soedlung das Freiburger Stadtrecht erhielten? Zunächst einmal wurde der Ort privilegiert, als er das Marktrecht erhielt. Er wurde dadurch zu einem geschützten Raum, in dem andere Rechtsverhältnisse und Regeln herrschten als draußen. Zugleich wurden aber auch die hier lebenden Menschen privilegiert, indem sie das Bürgerrecht erhielten. Das umfasste freie Besitzrechte, die Teilhabe am Marktschutz und an den Allmandrechten. Bürger konnte aber nur werden, wer in der Lage war, eine Parzelle zu erwerben und darauf ein Haus zu errichten. Mit dem Begriff des „Bürgers" ist also untrennbar die Vorstellung der „Haushäblichkeit" verbunden - ein schönes mittelalterliches Wort. Da aber jedes Haus dem Stadtherrn steuerpflichtig war, war das Bürgerrecht eng mit der Steuerpflicht verbunden. Das heißt zum Bürgerrecht gehörten untrennbar die Bürgerpflichten, in erster Linie die Steuerpflicht und die Wehrpflicht. Von dieser Wehrhaftigkeit des mittelalterlichen Bürgers leitet sich letztlich sogar sein Name ab. Denn die Bewohner einer Stadt hießen ja nicht etwa „Städter", was sprachlich nahe gelegen hätte, sondern „Bürger", was erkennbar von dem Wort „Burg" abgeleitet ist. Das heißt, mit diesen meist von einer hohen Mauer umgebenen frühurbanen Gebilden assoziierte der hochmittelalterliche Mensch eine Burg, die auch im strategischen Kalkül der adligen Stadtgründer eine Bedeutung hatte.

 

Die Gesamtheit der Bürger bildete eine „Eidgenossenschaft", also eine durch Eid miteinander verbundene Gemeinde, die vom Stadtherrn in gewissem Umfang Selbstverwaltungsrechte, also kommunale Autonomie erlangte. Diese Bürgergemeinden wählten einen Ammann oder Schultheißen, ein Gericht und einen Rat und nahmen die städtischen Angelegenheit weitgehend in die eigene Hand. In diesen kommunalen Strukturen war also von Anfang an ein republikanisches, wenn man so will: ein demokratisches Element angelegt, das im Grunde einen Gegenentwurf enthielt zu den feudalen Strukturen, die die Städte umgaben. Dazu muss man aber sagen, dass es den kleinen landesherrlichen Städten des 13. Jahrhunderts anders als den älteren und mächtigeren Reichstädten nicht mehr gelungen ist, sich vom Stadtgründer unabhängig zu machen und zu emanzipieren. In aller Regel gelang es den adligen Stadtherren, ihre Gründungen eng an die Kandarre zu nehmen. Sie waren es, die den Schultheißen von ihren Gnaden einsetzten und somit die Geschicke ihrer Städte weitgehend bestimmten. Während Reichsstädte wie Augsburg, Ulm oder Rottweil die volle kommunale Autonomie erlangten und in ihren Mauern kleine Republiken inmitten des feudalen Staates bildeten, ist es keiner landesherrlichen Stadt in Württemberg gelungen, sich vom Stadtherrn abzunabeln. Auch Sulz blieb dominiert von den Herren von Geroldseck und war auf Gedeih und Verderb an die Geschicke dieses Adelshauses gekoppelt, wobei die Betonung auf dem Wörtchen „Verderb" liegt.

 

Mit der Gründung der Stadt Sulz im Jahr 1284 verbanden sich zwei gegensätzliche Entwicklungstendenzen. Zum einen beeinhaltete das Stadt- und Bürgerrecht die Chance zur Ausbildung eines prosperierenden und selbstbewussten Bürgerstands, der aufgrund der Marktfreiheiten Wohlstand generieren und zum identitätsstiftenden Merkmal „seiner" Stadt werden konnte. Einen Kern dieses Bürgertums bildeten mit Sicherheit jene schon länger ansässigen Familien, die an den Salzpfannen teilhatten, darüber hinaus zahlreiche Handwerkerfamilien und Fuhrunternehmer, die im Umfeld der Salzförderung ihr Auskommen fanden. Durch gezielte Anwerbung und Zuzug von Handwerkern wuchs die Bürgerschaft um das Jahr 1300 rasch an. Zu diesen Zuzüglern gehörte auch die Familie Schweickher und viele andere Geschlechter, die der Stadt Sulz über Jahrhunderte verbunden blieben. Aus dem Reichtum der Salzpfannen und dem Wohlstand, den das Handwerk abwarf, entwickelte sich dieses stolze Bürgertum, das später Teil der württembergischen Ehrbarkeit werden sollte.

 

Auf der anderen Seite und im Kontrast dazu waren die Bürgerfamilien und die Stadtoberen vollständig vom Wohl und Wehe der Stadtherrenfamilie von Geroldseck abhängig. Dies wäre vielleicht nicht so schlimm gewesen, wenn die Geroldsecker nicht im 14. und 15. Jahrhundert einen dramatischen Niedergang erfahren hätten. Man kann ohne weiteres davon ausgehen, dass sich das Sulzer Bürgertum im Spätmittelalter deutlich kräftiger entfaltet hätte, wäre die Stadt nicht bald zum Spielball der politischen Verwicklungen der Herren von Geroldseck geworden. Dies trifft insbesondere für das fehdereiche 15. Jahrhundert zu, das einem friedlichen Wirtschaftsleben wenig Raum ließ.

 

Spätestens im Jahr 1385, also genau hundert Jahre nach der Stadtgründung, wurde anlässlich einer Herrschaftsteilung deutlich, dass die Herren von Geroldseck in beträchtlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckten. Die Besitzverkäufe häufen sich seit dem frühen 15. Jahrhundert, auffällig ist insbesondere der Verkauf von Anteilen an den Sulzer Salzpfannen. Das heißt, die Geroldsecker stießen damals ihr Tafelsilber ab. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts wird in den Quellen ein dramatischer Schuldenberg erkennbar. Allein der Graf Alwig von Sulz, dessen Familie früher die Herrschaft besaß und der jetzt versuchte, sie wieder zu erlangen, besaß damals geroldeckische Schuldscheine im Umfang von 6000 Gulden. Mehr als einmal musste die Stadtgemeinde als Bürge für ihre verschuldeten Herren auftreten. In dieser offenkundigen Finanzmisere der Geroldsecker erregte die wegen ihrer Saline interessante Herrschaft Sulz den Appetit potenter Nachbarn, insbesondere der beiden Territorialherren Württemberg und Österreich. Württemberg verstand es nach der Bubenhofen-Fehde 1423, Hans von Geroldseck durch einen Dienstvertrag von sich abhängig zu machen. Zugleich musste dieser dem neuen Dienstherrn seine Burg Albeck offen halten. Damit hatte Württemberg erstmals ein Bein im Tor der Stadt Sulz.

 

Die Geroldsecker wehrten sich gegen den drohenden Verlust ihrer Herrschaft und ihrer Autonomie mit den Mitteln ihrer Zeit. Es war insbesondere Georg von Geroldseck (1421/1449), der sich nach Art der Raubritter gegen den drohenden Bedeutungsverlust stemmte und sich zu diesem Zweck zeitweilig mit den berüchtigsten Haudegen seiner Zeit verbündete, zunächst mit Graf Friedrich von Zollern, der zeitweilig in Sulz lebte und von hier aus sein Unwesen treb, später mit Hans von Rechberg zu Schramberg. Diese beiden hatten ihre Hand bei allen Fehden der Zeit zwischen 1420 und 1454 im Spiel, und Georg von Geroldseck mischte immer kräftig mit. Doch wie seine beiden Kumpane verzehrte sich der Geroldsecker in seinem aussichtlosen Kampf gegen das Unvermeidliche. Nach seinem Tod schlossen sich seine Brüder Hans und Heinrich dem Hans von Rechberg in seiner Fehde gegen die Reichsstädte 1454 an. Das machte nun aber die Stadt Sulz erneut zu einem Angriffsziel für die Städte. Berühmt geworden ist die listenreiche Einnahme der Stadt durch Rottweiler Söldner, die in diesem Jahr bei Nacht und Nebel unbemerkt unter dem Schwibbogen, aus dem das Wasser des Gewerbekanals aus der Stadtmauer austrat, in die Stadt schlupften und die überraschten Sulzer überrumpelten. Hans von Geroldseck und Hans von Rechberg entkamen mit knapper Not und holten die Grafen von Württemberg zu Hilfe. Wie kompliziert die Lage war, erkennt man daran, dass die Witwe Georgs von Geroldseck, Margarethe von Gundelfingen, gleichzeitig den Herzog von Österreich um Hilfe bat. Das hatte damit zu tun, dass die Geroldsecker die Stadt Sulz in vier Vierteln unter sich aufgeteilt hatten. Die Rottweiler kümmerten sich aber nicht darum, wessen Teil sie besetzten, da konnte die Witwe von Gundelfingen noch so sehr klagen, dass sie und ihr Stadtviertel mit der Fehde gar nichts zu tun hätten.

 

Die Konsequenz war, dass jetzt sowohl die Württemberger wie vorderösterreichische Truppen aus Rottenburg die Stadt belagerten und die Rottweiler zum Abzug zwangen. Die Württemberger und die Österreichischen zwangen daraufhin die Untertanen Heinrichs von Geroldseck, also die Bürger eines der vier Viertel, ihnen zu huldigen. Die Gefahr bestand, dass Sulz in dieser komplizierten Interessenlage zwischen Württemberg und Österreich zerrissen wurde. Das konnten die Württemberger, die ja schon längere Zeit Zugang zur Burg Albeck hatten, aber auf keinen Fall zulassen. Das Ende der Geschichte ist bekannt. In den folgenden Jahren erwarb Graf Eberhard im Bart von Graf Alwig von Sulz dessen Schuldforderungen gegen Hans von Geroldseck und versuchte sie gerichtlich durchzusetzen. Dabei musste er rasch handeln, denn Hans, der letzte Geroldsecker in Sulz, schaltete Österreich, Baden und die Pfalz als Vermittler ein. Um Württembergs Ansprüche auf Sulz nicht in einem Verhandlungsmarathon mit Mächten zerrinnen zu lassen, die selbst interessiert waren, schuf er bei günstiger Gelegenheit vollendete Tatsachen. Unter Berufung auf sein Öffnungsrecht auf der Burg Albeck bat Graf Eberhard im Oktober 1471 um Zugang zur Burg. Kaum aber hatten seine Leute die Burg betreten, besetzten sie nicht nur das Schloss, sondern auch die Stadt Sulz und verschleppten den unglücklichen Geroldsecker auf das Schloss Urach, wo dieser nach zwei Jahren zermürbender Gefängnishaft der Abtretung seiner Herrschaft an Württemberg zustimmte.

 

Dies war nun wie häufig beim Aufbau des württembergischen Territoriums nicht gerade die feine Art des Landerwerbs. Und die Zimmerische Chronik wird auch nicht müde, diese usurpatorische Tendenz der württembergischen Expansion zu geißeln: Also hat Würtemberg die herrschaft Sulz auch verschluckt, wie andere grafschaften und herrschaften mer, und: Man weist zimlicher maßen, wie das land Würtenberg zusamen gelesen lauter grafschaften und herrschaften... (ZChr. 1, 309, 312) Wie immer man den Übergang der Stadt Sulz von der Herrschaft Geroldseck an Württemberg beurteilen mag, für die Bürgerschaft war es gut, dass dieses Jahrhundert von Unsicherheit, Fehden und Krieg zu Ende war und die Stadt am oberen Neckar nun Teil eines prosperierenden Territorialstaats geworden war.

 

Es bedarf keiner großen Phantasie, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass sich das Bürgertum in Sulz unter diesen politischen Rahmenbedingungen nur schwer entfalten konnte. Die Stadt war viele Jahrzehnte in vier Viertel geteilt, die, obwohl Angehörigen derselben Adelsfamilie gehörend, ganz unterschiedliche Wege gingen. Über einem der Stadtviertel wehte seit 1423 - drohend oder lockend? - die Fahne Württembergs. Diese politisch unbefriedigende Situation muss für die unternehmerischen Kräfte in der Stadt geradezu lähmend gewirkt haben. Hinzu kam sicherlich eine zwiespältige Selbstwahrnehmung des Sulzer Bürgertums in diesem Konflikt. Auf der einen Seite mag es durchaus zum Selbstwertgefühl der Bürger beigetragen haben, dass die Stadt und einzelne reiche Familien in der Lage waren, die geroldseckichen Anteile an der Salzproduktion nach und nach zu erwerben und immer wieder für die pekuniären Schwierigkeiten der Stadtherren zu bürgen. Auf der anderen Seite muss es unglaublich demütigend gewesen sein, in regelmäßigen Abständen zum Spielball ihrer Fehden und Intrigen zu werden und gelegentlich von fremden Mächten unter Waffengewalt zu Unterwerfung gezwungen zu werden. Man kann sich also durchaus vorstellen, dass die Sulzer Bürger ein Ende der geroldseckischen Stadtherrschaft herbei gesehnt haben. Ob sie deshalb im Jahr 1471 mit überschwänglicher Freude Württemberger geworden sind, ist eine andere Frage.

 

Es ist unter den geschilderten Umständen erstaunlich, dass sich im Bürgertum der Stadt Sulz während des 15. Jahrhundert trotz allem eine gewisse Prosperität bemerkbar macht. Dies hatte insbesondere mit dem Salzhandel zu tun, der wie gehört stärker als zuvor in bürgerlicher Hand war. Im 16. Jahrhundert besaßen nicht weniger als 19 Sulzer Familien Anteile an der Saline. Einige dieser bürgerlichen Familien, die mit Salinenanteilen reich geworden waren, schafften im Spätmittelalter sogar den Sprung in den Adelsstand, so die bekannte Familie Gut von Sulz. An dieser Familie lässt sich zeigen, dass das Adelsideal trotz der gerade in Sulz mit Händen zu greifenden „Adelskrise" für die reichen Bürgerfamilien durchaus erstrebenswert erschien. Die Familie Gut lässt sich bis ins Jahr 1278, also noch vor die Stadterhebung von Sulz zurückverfolgen. Im 14. Jahrhundert war sie in Sulz und Horb verbürgert, später nur in Sulz. Die Familie besaß Anteile an der Saline und erwarb großen Grundbesitz in der Umgebung. Jakob Gut von Sulz besaß um 1478 drei Häuser in Sulz. Dieser Reichtum machte es möglich, in Adelsfamilien einzuheiraten. Im 15. Jahrhundert firmierten ihre männlichen Angehörigen als Junker. Im Jahr 1534 erwarb die Familie Gut mit dem Dorf Durchhausen bei Tuttlingen einen adligen Landsitz. Die Gut von Sulz führten somit eine Existenz zwischen Stadtadelsfamilie und Landadel. Auch wenn mit dem Erwerb des Landguts ein Rückzug aus der Stadt angelegt war, blieb die Familie Gut weiterhin als bedeutendster Salinenteilhaber in Sulz präsent. Dem jeweiligen Oberhaupt der Familie Gut von Sulz gebührte in württembergischer Zeit (ab 1473) das Recht, alljährlich am Neujahrstag im Namen der Salzgesödsverwandten das Salzlehen aus der Hand des Herzogs in Empfang zu nehmen. So blieb also auch diese nobilitierte Bürgerfamilie Bestandteil der Sulzer Bürgerschaft. Der bedeutendste Angehörige dieser Familie war übrigens Johann Jakob Gut von Sulz (1543-1616) (ein Zeitgenosse des eingangs erwähnten Salomon Schweigger). Dieser machte Karriere am Hof des Herzogs Ludwig von Württemberg, dessen Kammermeister er war. Berühmt wurde Johann Jakob Gut von Sulz durch sein umfangreiches Kunstkabinett, eine „Wunderkammer", die mehr als 20.000 Gegenstände aller Art umfasste. Diese Kunstsammlung fiel nach dem Aussterben der Familie 1653 an den Herzog Eberhard III. von Württemberg und wurde später ein Grundstock des Württembergischen Landesmuseums. (Sulz, 135; 286-288; Hermann)

 

Was hat die Zugehörigkeit zu Württemberg der Stadt Sulz unter der Fragestellung der bürgerlichen Freiheit gebracht? Zunächst einmal bleibt festzuhalten, dass die Stadt Sulz im Jahr 1471 erstmals in einem größeren Flächenstaat aufging, der 1495 durch die Erhebung zum Herzogtum die besten Entwicklungsmöglichkeiten erhielt. Auf der anderen Seite hatte dieser Staat wegen seines Expansionsdrangs und des feudalen Repräsentationsaufwands seiner Herzöge einen enormen Schuldenberg angehäuft. Das heißt, die Stadt Sulz war zwar in einem größeren Flächenstaat aufgegangen, aber sie befand sich gegenüber dem größeren Staat auch in wesentlich größerem Maßstab im alten Dilemma. Sulz war 1471 gerade rechtzeitig in Württemberg eingegliedert worden, um sogleich mit dem württembergischen Steuersystem Bekanntschaft zu machen. Der Staat führte damals in allen württembergischen Ämtern eine so genannte Schatzung durch, das war eine außerordentliche Steuererhebung in Höhe von 5 % des Vermögens aller Haushalte. Damals wie heute hatten die Menschen durchaus Verständnis dafür, dass sie dem Staat Steuern schuldeten, damit dieser seinen öffentlichen Aufgaben gerecht werden konnten. Die Bürger hatten aber damals wie heute kein Verständnis dafür, wenn sie zur Kasse gebeten wurden, weil der Herzog in verschwenderischer Weise Schulden aufhäufte.

 

Genau dieser Fall trat aber ein, als Herzog Ulrich im Jahr 1514 die Maße verschlechterte und die Verbrauchssteuern erhöhte, um Württemberg vor dem Staatsbankrott zu retten. Er löste damals mit seiner Steuererhöhung eine allgemeine Rebellion der württembergischen Untertanen aus, die unter dem Namen „Der Arme Konrad" in die Geschichte eingegangen ist. Es ist hier nicht der richtige Ort, um diese Aufstandsbewegung in aller Breite darzulegen, es muss reichen zu erwähnen, dass Sulz mit seinem Umland wie die Nachbarämter Balingen, Rosenfeld und Dornhan selbstverständlich in den Aufruhr involviert war. Von Interesse für unsere Fragestellung ist, wie die württembergische Krise von 1514 gelöst wurde. Herzog Ulrich gelang es mit dem Tübinger Vertrag vom 8. Juli 1514 das Land zu befrieden, weil er in einem geschickten Schachzug die Ehrbarkeit des Landes, also die bürgerliche Führungsschicht der Landstädte, vom breiten Bürgertum zu separieren verstand. Die reichen Bürger versprachen dem verschwenderischen Herzog seine Schulden in Höhe von 940.000 Gulden zu übernehmen, wenn sie dafür im Gegenzug weitgehende Mitspracherechte in der Landespolitik bekämen. Man hat den Tübinger Vertrag gelegentlich als die „Magna Charta" Württembergs angesprochen, in der das Bürgertum im Landtag seine demokratischen Partizipationsrechte verbrieft erhielt. Dies stimmt nur insoweit, als die mächtigen Familien der Ehrbarkeit, die in den Landstädten ohnehin das Sagen hatten, nun aufgrund ihrer wirtschaftlichen Potenz Zugang zum Stuttgarter Landtag erhielten. Die breite Masse des vom Handwerkerstand getragenen Bürgertums blieb von diesem verfassungsrechtlichen Fortschritt ausgenommen.

 

Im Grunde schrieb der Tübinger Vertrag eine sozioökonomische Entwicklung fest, die ohnehin im Gange war. Er begünstigte jenen Teil des Bürgertums, der in den vergangenen Jahrzehnten nach oben gespült worden und allzu gern bereit war, sich den feudalen Strukturen unterzuordnen, weil er davon profitierte. Das heißt auf Sulz bezogen, es profitierten von dieser Entwicklung Bürgerfamilien wie die Gut von Sulz, die sich ohnehin schon in die Adelssphäre verabschiedet hatten, während die gewöhnlichen Bürger nur sehr mittelbar etwas davon hatten. Insgesamt war die Entwicklung der Stadt Sulz - analog zu den meisten württembergischen Städten - von zwei Tendenzen geprägt: Mit der Entwicklung Württembergs zum absolutistischen Mittelstaat wurden seine Bürger zu bloßen Untertanen degradiert, das republikanische Element der Kommunen wurde für Jahrhunderte gehemmt. Das obrigkeitliche Übergewicht gegenüber den bürgerlich-kommunalen Kräften spiegelt sich beispielsweise in der wirtschaftlichen Entwicklung der Saline Sulz. Hatten wir festgestellt, dass im Zuge des Niedergangs des Hauses Geroldseck die Sulzer Bürger immer mehr Anteile an den Salzpfannen erwarben, so setzte im 16. Jahrhundert die gegenläufige Bewegung ein. Hielten im Jahr 1579 noch mindestens 19 Sulzer Bürger Anteile an der Saline, die Herrschaft aber fast nichts, so besaß im Jahr 1602 der Herzog bereits ein Sechstel der Saline. Hundert Jahre später, im Jahr 1707 gehörte der Herrschaft genau die Hälfte des Salinenkapitals, während die Kommune noch rund ein Achtel, die Bürger aber drei Achtel der Anteile hielten. Keine dreißig Jahre später, 1735, war die Herrschaft vollends im Besitz der gesamten Saline.

 

Dieser vollständige Besitzwechsel aus der Hand des Bürgertums in die Verfügung des Staates war auch Ergebnis dramatischer wirtschaftlicher Einbrüche. Denn dies ist das zweite Merkmal unserer Geschichte in der Frühen Neuzeit: es war eine Zeit großer politischer Katastrophen wie des Dreißigjährigen Krieges (1681-1648) und tragischer Unglücksfälle wie der Stadtbrände von 1581, 1720 und 1794. Nicht von ungefähr erlangte das herzogliche Haus nach dem Stadtbrand von 1581 erstmals Zugriff auf die Saline. Der Dreißigjährige Krieg, der viele Bürgergeschlechter ruinierte, hat diese Entwicklung beschleunigt. Und der Stadtbrand von 1720 zwang die letzten bürgerlichen Anteilseigner zur Veräußerung ihrer Salinenanteile. Welche Katastrophe das kriegerische 17. Jahrhundert für die Stadt Sulz und sein Bürgertum bedeutete, kann man nicht nur an diesem ökonomischen Merkmal verdeutlichen, sondern auch an der demographischen Entwicklung. Sulz beherbergte am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges (um 1618) annähernd 1300 Menschen, am Ende des Krieges nur noch etwa halb so viele (680 Menschen, was dem württembergischen Durchschnitt entspricht).

 

Dies alles trug dazu bei, dass Sulz im 18. Jahrhundert von seiner sozioökonomischen Zusammensetzung her zu einer typischen Handwerkerstadt geworden war, die um 1730 mit 181 Handwerkern eigentlich „übersetzt" war. Richtig reiche Leute waren nicht darunter, zu den wohlhabendsten Sulzern zählten einige Wirte, Bierbrauer und Schmiede, der ein oder andere Barbier, Kürschner, Küfer oder Gerber. Über diesem sehr breit gefächerten Handwerkerstand existierte um 1730 nur eine ausgesprochen kleine Schicht von Handelsleuten, so die Familien Vaihinger und Dollmetsch und der Apotheker Gottlieb Haupt. Diese drei Familien zahlten damals die höchsten Steuern.

 

Noch ein Wort zu den Stadtbränden: In der Stadtgeschichte von 1984 kann man anlässlich des Themas Stadtbrand von 1794 lesen, in welcher Rekordzeit der Wiederaufbau der Stadt abgewickelt wurde. Schon ein Jahr nach dem Brand waren die meisten Häuser wieder bezogen. Ohne diese in der Tat enorme Leistung der Sulzer Bürger schmälern zu wollen: Aber in anderen Städten haben die Bürger nach vergleichbaren Stadtbränden den Wiederaufbau teilweise in noch schnellerer Zeit geschafft. In Ehingen/Donau konnten die Bürger nach dem verheerenden Brand vom März 1749 schon im Oktober des Jahres die neuen Gasthäuser besuchen. Stadtbrände waren im ganzen Reich während der Frühen Neuzeit ständig wiederkehrende Ereignisse, die buchstäblich an die Grundfesten der menschlichen Existenz rührten. So brannte es beispielsweise - um nur ein paar Beispiele aus der Umgebung anzuführen - 1533 und 1591 in Schiltach, 1546, 1607, 1672 und 1724 in Balingen, 1684 und 1868 in Rosenfeld, 1637 und 1718 in Dornhan und 1750 in Schömberg. Wollte ich alle Brandjahre württembergischer Städte verlesen, wäre dies eine abendfüllende Veranstaltung. Trat eine solche Brandkatastrophe ein, so lag es sowohl im Interesse der Obrigkeit wie der betroffenen Bürger, die Stadt schnellstmöglich wieder aufzubauen. Sammel- und Bettelpatente des Landesherren erlaubten es den Städten zusätzlich zu den Versicherungssummen und staatlichen Zuschüssen im ganzen Reich Geld für den Wiederaufbau einzusammeln. Bemerkenswert ist es auch, wie in solch existenzieller Tragik die Menschen über Konfessionsgrenzen hinweg bereitwillig halfen und spendeten. Wenn wir uns erinnern, dass zur Definition des Bürgers in alter Zeit die „Haushäblichkeit" gehörte, so liegt es auf der Hand, dass ein Stadtbrand wie der Sulzer von 1581 oder 1794 eine ganze Bürgerschaft aus ihrer Verankerung riss. Die Menschen waren durch den Verlust ihrer Häuser ihrer bürgerlichen Existenz beraubt und auf ihre nackte menschliche Existenz reduziert. Ein Bürger ohne Haus: das war wie der Kaiser ohne Krone. Die Wiederherstellung bürgerlichen Status erforderte geradezu die rasche Intervention aller Beteiligten.

 

Der Sulzer Stadtbrand von 1794 wurde ganz unerwartet zum Fanal einer neuen Zeit. Denn kaum war die Stadt wieder errichtet, standen erstmals die Franzosen ante portas, um die Fackel der Revolution von 1789 nach Südwestdeutschland trugen. Die Zeit der absolutistischen Feudalstaaten war vorbei, als Napoleon 1806 das Heilige Römische Reich deutscher Nation zerschlug und die deutschen Mittelstaaten wie das zum Königtum erhobene Württemberg von sich abhängig machte. Die Moderne kehrte in Württemberg ein, als mit dem Code Napoleon ein durchaus bürgerliches Gesetzbuch Geltung erlangte. In gewisser Weise hatte Sulz den Weg in die Moderne angetreten, als man beim Wiederaufbau der Stadt 1794 den mittelalterlichen Grundriss zugunsten einer rationaleren geometrischen Planung aufgab und damit so etwas wie eine Musterstadt schuf. Was aber brachte der Anbruch der Moderne den Bürgern von Sulz?

 

Allgemein lernen wir, dass das 18. Jahrhundert mit der Aufklärung den Anbruch der „bürgerlichen Gesellschaft" gebracht habe. Napoleons Eingriff in die deutsche Geschichte und die Beseitigung überkommener feudaler Strukturen haben diese Entwicklung sicherlich gefördert. Aber was eine Region oder eine Stadt aus den neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nach 1806 zu machen verstand, hing wesentlich von den lokalen Voraussetzungen ab. Es gehört für mich zu den unbeantworteten Fragen, warum eine Stadt wie Sulz praktisch das gesamte 19. Jahrhundert stagnierte und vergebens auf den wirtschaftlichen Aufschwung wartete. Während in Deutschland insgesamt sehr plötzlich um das Jahr 1860 der Durchbruch der Industrialisierung erfolgte - man spricht in Anlehnung an den Startvorgang bei Flugzeugen von einem Take-off -, erreichte die Stadt Sulz diesen Status erst mit einer Phasenverschiebung von rund 40 Jahren.

 

Ohne die Frage dieser wirtschaftlichen Stagnation im Rahmen eines Festvortrags klären zu können, lassen sich doch verschiedene Ursachen benennen. Zunächst einmal ist zu bemerken, dass die Saline, Jahrhunderte lang das Salz der Sulzer Geschichte, erschöpft war. Die Produktion dümpelte nach Anbruch des 19. Jahrhunderts vor sich hin und wurde bald nach 1860 eingestellt. Um diese Zeit herum erlebte zwar die Flößerei auf dem Neckar eine letzte Blüte, sie konnte aber den Ausfall der Saline wirtschaftlich nicht ersetzen und geriet nach dem Eisenbahnbau der 60-er Jahre als veraltete Transportform selbst zur wirtschaftsgeschichtlichen Randnotiz. Diese beiden untergehenden Wirtschaftssegmente konnten nicht dauerhaft durch frühindustrielle Technologien ersetzt werden. Warum beispielsweise die Baumwollmanufaktur, die in Sulz seit 1744 von der Familie Mebold betrieben wurde, trotz günstiger Wasserkraftverhältnisse nicht Fuß fassen konnte, bleibt rätselhaft. Jedenfalls siedelte Gottlieb Mebold im Jahr 1822 nach Heidenheim über und verhalf dieser Stadt auf der Ostalb mit der Württembergischen Cattun-Manufaktur zu einem frühindustriellen Boom. Seine Heimatstadt Sulz hatte das Nachsehen. Glücklos verlief 1835 auch die Gründung des „Schwarzwälder Boten", der schon im Jahr darauf wegen finanzieller Schwierigkeiten an Wilhelm Brandecker in Oberndorf verkauft wurde und dann in der Nachbarstadt reussierte.

 

Es gab in der vom Kleinbürgertum geprägten Landstadt Sulz um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert kaum unternehmerische Kräfte, Handelsleute oder frühe Kapitalisten. Die Crème des Sulzer Bürgertums bestand aus zwei Händen voll bildungsbürgerlicher Honoratioren. Dazu zählten Pfarrer, Apotheker und Verwaltungsbeamte. Es ist bezeichnend dass Sulz gegen Ende des 18. Jahrhunderts nicht wegen wirtschaftlicher Innovationen Aufsehen erregte, sondern wegen seines tüchtigen Oberamtmanns Georg Jakob Schäffer (1745-1814), dem es mit seinen fortschrittlichen kriminologischen Methoden im Jahr 1787 gelang, den berüchtigten Räuberhauptmann Hannikel an den Sulzer Galgen zu bringen. Die gescheiten Söhne der guten Sulzer Bürgerfamilien machten auswärts Karriere. Ich denke nur an den Sohn des Posthalters und Rosenwirts, Johann Michael Armbruster (1761-1814), der es zum österreichischen Hofsekretär brachte, oder an den Apothekersohn und Naturwissenschaftler Joseph Gottlieb Kölreuter (1733-1806), der sich im fernen Petersburg und in Karlsruhe als Botaniker einen Namen machte. Ein weiteres Beispiel liefert Carl Ferdinand Heinrich (von) Ludwig (1784-1847), der es als Sohn eines geistlichen Verwalters in Sulz in der Kapkolonie als Geschäftsmann und Gründer eines Botanischen Gartens zu Ruhm und Reichtum brachte. Ludwig, der später sogar vom württembergischen König geadelt wurde, blieb seiner Heimat immer verbunden. Nach einem Neckar-Hochwasser 1824 spendete er der Heimatstadt 300 Gulden, 1830 gründete er in Sulz mit 1000 Gulden eine Schulstiftung für begabte Schüler. Wer fühlt sich bei der Lebensgeschichte Carl Ferdinand von Ludwigs nicht an den eingangs vorgestellten Salomon Schweigger erinnert, der nach fernen Welten strebend, sich doch immer der Heimat verbunden fühlte? Und wem fällt bei diesen Beispielen nicht jener weitere Orientreisende ein, der sich in den Jahrzehnten um 1900 einen Namen als bedeutender Orientmaler machte: an Gustav Bauernfeind (1848-1904). Dieser Sohn eines Sulzer Apothekers brach im Jahr 1880 erstmals nach Palästina auf und siedelte später mit Frau und Kind ganz nach Jerusalem über. Sulz brachte also reichlich kluge Köpfe, Wissenschaftler, Geschäftsleute, Kulturschaffende hervor, die es in der Welt „draußen" zu etwas brachten, aber die Stadt selbst kam bis zum Jahrhundertende nicht recht voran. Doch dann kam endlich die Wende.

 

Während Gustav Bauernfeind im Jahr 1897 Vorbereitungen traf für seine zweite Palästinareise, verhandelte der rührige Sulzer Stadtschultheiß Karl Wilhelm Malmsheimer (1892-1924) mit den Brüdern Markus und Julius Stehle wegen der Errichtung einer mechanischen Weberei in Sulz. Das Stadtoberhaupt machte den auswärtigen Unternehmern sehr weitgehende Zugeständnisse, was die Grundstückspreise und die künftigen Gewerbesteuern anging. Im Protokoll von 1897 heißt es: „Die materiellen Opfer... wurden von den bürgerlichen Kollegien einstimmig und gerne verwilligt..." in der Hoffnung, dass „sich die Opfer durch Hebung der volkswirtschaftlichen Verhältnisse bald wieder bezahlt machen". Das war der Startschuss für die Buntweberei, die auf Jahrzehnte hinaus zum wirtschaftlichen Rückgrat der Stadt werden sollte. Und als schon in den Jahren 1898/1904 der Straßburger Christian Bertrand und sein Compagnon Carl Baum in Sulz die „Süddeutsche Möbelfabrik" eröffneten, war das Industriezeitalter endgültig in Sulz eingekehrt. Als am 18. Oktober 1899 das letzte Neckarfloß - und mit ihm die alte Zeit - aus Sulz verabschiedet wurde und am 9. Oktober 1899 fast gleichzeitig die Neckarpromenaden erstmals von elektrischem Licht erstrahlten, war die Stadt Sulz rechtzeitig zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Moderne angekommen.

 

In der Bevölkerungsentwicklung des 19. Jahrhunderts spiegelt sich die beschriebene Stagnation und der Aufbruch deutlich wieder. Die Stadt Sulz beherbergte im Jahr 1811 2001 Einwohner. Während in der ersten Jahrhunderthälfte die Einwohnerzahlen in froher Erwartung des Aufschwungs bis 1851 auf 2261 Personen anstiegen, fielen sie dann dann bis zum Jahr 1900 auf nur noch 1954 zurück. Zu diesem Rückgang trug die massenhafte Auswanderung verarmter Familien oder politisch enttäuschter Bürger bei. Erst nach der Etablierung erfolgreicher Industriebetriebe stiegen die Bevölkerungszahlen wieder sprunghaft an. Im Zuge der politischen Weichenstellungen seit 1806 wandelte sich der Status des Bürgers und der Begriff des Bürgertums entscheidend. Seit der Stadterhebung im Jahr 1284 und bis zum Untergang des alten Reiches galt als „Bürger", wer als Hausbesitzer und Hausvater einer „Herdstätte" vorstand und somit Steuern zahlte. Bezugspunkt dieses Bürgerbegriffs war die jeweilige Geburtsstadt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts weitete sich der Bürgerstatus zunächst auf alle Personen männlichen Geschlechts aus. Auch Besitzlose und Fabrikarbeiter waren in diesem Sinne Bürger und nach Einführung des allgemeinen Wahlrechts wahlberechtigt. Auf die Frauen wurde der volle Bürgerbegriff erst in der Weimarer Verfassung von 1919 ausgedehnt. Bildete der alte „Stadtbürger" den Kern kleiner kommunaler, wenn man so will: republikanischer Inseln in einem feudalen Staat, so hat sich der moderne „Staatsbürger" zur Keimzelle eines demokratischen Staatswesens entwickelt. Bürger sind wir nicht mehr allein in Bezug auf eine konkrete Stadt, sondern in Bezug auf einen Staat, dem wir Steuern zahlen. Und wir stehen heute sogar an der Schwelle zum „Weltbürgertum", dies ums mehr als seit dem Jahr 2008 erstmals die Hälfte der Menschheit in urbanen Zentren lebt. Diese positive Entwicklung enthält jedoch auch einen problematischen Aspekt. Während bei unseren früheren Weltreisenden Salomon Schweigger, Baron Ludwig oder Gustav Bauernfeind die innere Bindung an ihre Heimatstadt auch in der Fremde nicht schwand, so zählt es für unsere modernen Kommunen zu den zentralen Herausforderungen, die Identifikation „ihrer" Bürger mit ihrer Stadt auch in Zeiten der Globalisierung aufrecht zu erhalten. Als „Weltbürger" steht es heute jedem von uns frei, zu jedem beliebigen Zeitpunkt an jeden beliebigen Ort der Welt zu reisen, während sich das Gefühl der Bindung an eine Heimat verflüchtigt. Die Rückbindung der vielen „Weltbürger" an ihre kleine städtische Lebenswelt ist eine wichtige Aufgabe unserer Zeit. Und Veranstaltungen wie diese tragen zur Bewältigung dieser Aufgabe bei.

 

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