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Wir
(Sulzer) Bürger
Provinzielle
Gedanken zu einem universellen Thema
Am
17. Oktober 1581 überquerte ein Orientreisender, von Venedig
kommend, den Brenner,
den er wegen der großen Kälte eher als „Frierer" empfand, und
erreichte am späten Abend Innsbruck. Die Welt war auch damals schon
klein, und so stieß er in der Herberge auf eine Reisegesellschaft,
die mit dem Markgrafen Jakob von Baden in umgekehrter Richtung nach
Italien unterwegs war. Der zum badischen Gefolge gehörende Junker
Josua Scheer von Schwarzenburg berichtete dem Heimkehrer im Gespräch
von der leidige(n) Brunst meiner Heimet zu Sultz (333), also
von der großen Brandkatastrophe, die Sulz wenige Monate zuvor
heimgesucht hatte. Diese Nachricht beflügelte den Reisenden zu
größerer Eile. Über Landsberg, Augsburg und Esslingen erreichte er
am 10. November 1581 württembergischen Boden. Da sein gnädiger
Fürst und Herr, der Herzog Ludwig, dem er Bericht erstatten wollte,
aber bei Pfullingen der Schweinhatz oblag und keine Zeit für
den Weltreisenden hatte, begehrte er erlaubnus mein Mutter vnd
Freund zu Sultz heim zu suchen, welches ihr Fürstl. G[naden] gnedig
bewilligt. Und so kehrte der Abenteurer um den 11. oder 12.
November 1581 frisch vnd gesund in mein liebes Vatterland zu den
meinigen zurück. Der Wortlaut des Berichts lässt offen, ob der
Heimkehrer mit der Vokabel „Vatterland" das Herzogtum Württemberg
oder eher seine Heimatstadt Sulz meint. Ein „Vatterland" im
wörtlichen Sinn war aber Sulz für den Heimkehrer zu diesem
Zeitpunkt bereits nicht mehr. Denn sein Vater Heinrich Schweickher
war im Jahr 1579 gestorben, während der Sohn im Orient weilte.
Damit
ist der große Name ausgesprochen. Der Orientreisende, von dem hier
die Rede ist, war kein Geringerer als Salomon Schweigger (1551-1622),
der in den Jahren 1578 bis 1581 als Gesandtschaftsprediger im Gefolge
des österreichischen Botschafters Freiherr Joachim von Sinzendorf an
der Hohen Pforte in Istanbul verbracht hatte. Was veranlasste Salomon
Schweigger aber, die Stadt Sulz als seine „Heimet" und sein
„Vatterland" zu betrachten, und was berechtigt uns heute
eigentlich, den bedeutenden Reiseschriftsteller als „berühmten
Sulzer" zu vereinnahmen? Denn bei Licht betrachtet ist Salomon
Schweigger weder in Sulz geboren noch hat er hier gewirkt noch ist er
hier gestorben. Zur Welt kam er 1551 in Haigerloch, weil sein Vater
dort zeitweilig als Gerichtsschreiber tätig war. Zwar verlebte er
dann einen Teil seiner Jugend in Sulz, nur aber, um schon 1572 zum
Theologiestudium nach Tübingen zu wechseln. 1576 zog er nach
Österreich, wo er mit Erfolg auf eine Gelegenheit wartete, seine
Orientsehnsucht befriedigen zu können. Nach der Rückkehr aus dem
Reich der Osmanen war er zunächst im württembergischen
Kirchendienst tätig, wechselte 1589 nach Franken und war von 1605
bis zu seinem Tod 1622 Prediger an der Nürnberger Frauenkirche.
Salomon Schweigger - ein Sulzer also?
Als
der Orientliebhaber im Jahr 1608 - 20 Jahre nach seiner Reise - seine
Reisebeschreibung nach Konstantinopel und Jerusalem im Druck heraus
gab, unterzeichnete er sein Vorwort mit Salomon Schweigger von
Sultz im Fürstenthumb Wirtenberg. Auch eine Kupfervignette mit
seinem Porträt aus gleicher Zeit weist Schweigger als von Sultz
aus (Sulz 305 u. 308), und noch seine Grabinschrift enthielt den
Hinweis auf den geburtsort Sultz im Fürstenthumb Würtenberg.
Es besteht also kein Zweifel, Salomon Schweigger hat sich selbst bis
an sein Lebensende immer als Sulzer empfunden. Was war aber die
Grundlage dieses Herkunftsbewusstseins? Als Schweigger im November
1581 Sulz besuchte, war dies bei aller Wiedersehensfreude ein
trauriger Anlass: Er erfuhr, dass sein Vater vor zwei Jahren
verstorben war und er stand auf den Trümmern seines abgebrannten
Elternhauses, das die Mutter gerade wieder aufbaute. Dennoch lagen
hier seine Wurzeln, er apostrophiert Sulz als seine „Heimet" und
sein „Vatterland". Hier lebten seine Freunde, Bekannten und
Verwandten. Und diese Verwandtschaft war verzweigt und trug einen
guten Namen. Seit wenigstens 200 Jahren war der Name Schweickher in
Sulz eingebürgert, Angehörige des Geschlechts dienten der Stadt als
Vögte, Bürgermeister, Rats- und Gerichtsherren. Salomons
verstorbener Vater hatte sich 1575 einen Namen als Schöpfer des
ersten Atlas von Württemberg gemacht. Salomon trug also im Herzogtum
einen bekannten Namen. Er gehörte einem alteingesessenen Geschlecht
an, er war Teil der Sulzer „Gesellschaft", Teil des diese Stadt
prägenden Standes. Er war Angehöriger eines selbstbewussten
(Sulzer) Bürgertums.
Mit
dem Stichwort Bürgertum erlangen unsere Überlegungen sozusagen eine
weitere Dimension, denn „Bürgertum" ist eine historische
Kategorie von universeller Bedeutung. Bis sich dieses bürgerliche
Standesbewusstsein herausgebildet hatte oder bis man gar von einer
„bürgerlichen Gesellschaft" sprechen konnte, war ein langer Weg.
Die Entstehung des Bürgertums geht ins Hochmittelalter zurück und
ist untrennbar verbunden mit der Entstehung unserer Städte. Sie ist
Teil eines gesamteuropäischen Zivilisationsschrittes: der
Urbanisierung einer bis dahin ausschließlich agrarisch geprägten
Feudalgesellschaft. Die Entstehung der Städtelandschaft vollzog sich
in der Zeit zwischen etwa 1100 und 1300. Die Gründung der Stadt Sulz
im Jahr 1284 war ein bescheidener und später Beitrag zu dieser
Entwicklung. In einer ersten Gründungswelle seit dem späten 11.
Jahrhundert wurden allmählich gewachsene präurbane Zentren, häufig
mit römischen Wurzeln und kirchlichen Zentralfunktionen versehen, zu
Städten erhoben (so Augsburg, Konstanz, Basel oder Straßburg, aber
auch Rottweil). Im Zuge dieser ersten Gründungswelle entstanden auch
zahlreiche Gründungsstädte „auf grüner Wiese", so als
berühmtes Beispiel Freiburg 1120. Diese bedeutenden frühen Städte
wiesen den Weg und wurden zu Modellen für alle nachfolgenden
Stadtgründungen. So wurde das Freiburger Recht etwa zum Vorbild für
alle teckischen Stadtgründungen (so für Kirchheim und Oberndorf),
aber auch für Sulz.
Das
13. Jahrhundert war die große Zeit der landesherrlichen
Gründungsstädte, und zwar in drei Wellen. Der ersten zögerlichen
Gründungswelle vor 1250 gehören relativ wenige Städte an, so
Kirchheim/Teck, in unserem Raum aber auch Haigerloch, Oberndorf und
Rosenfeld. Zur zweiten Welle zwischen 1250 und 1275 zählen die
meisten Städte Baden-Württembergs, in der Nachbarschaft z.B.
Hechingen, Balingen, Schömberg, Dornhan oder Schiltach. Und in die
letzte Welle, sozusagen eine Nachzüglerphase, fallen die Gründungen
nach 1275, also Städte wie Rottenburg und Sulz, aber auch viele
Städte, die es nicht „gepackt" haben, so Herrenzimmern oder
Heiningen auf der Alb, das übrigens 1284 gemeinsam mit Sulz
privilegiert wurde. Sulz gehört also zu den späten Städten in
diesem Gründungskarrussell, sozusagen zu den
„Lass-mi-au-mit"-Gründungen.
Was
geschah eigentlich genau mit dem Ort Sulz, als Heinrich von
Geroldseck und seine Söhne Walther und Hermann am 26. Oktober 1284
von König Rudolf von Habsburg für diese soedlung das Freiburger
Stadtrecht erhielten? Zunächst einmal wurde der Ort
privilegiert, als er das Marktrecht erhielt. Er wurde dadurch zu
einem geschützten Raum, in dem andere Rechtsverhältnisse und Regeln
herrschten als draußen. Zugleich wurden aber auch die hier lebenden
Menschen privilegiert, indem sie das Bürgerrecht erhielten.
Das umfasste freie Besitzrechte, die Teilhabe am Marktschutz und an
den Allmandrechten. Bürger konnte aber nur werden, wer in der Lage
war, eine Parzelle zu erwerben und darauf ein Haus zu errichten. Mit
dem Begriff des „Bürgers" ist also untrennbar die Vorstellung
der „Haushäblichkeit" verbunden - ein schönes
mittelalterliches Wort. Da aber jedes Haus dem Stadtherrn
steuerpflichtig war, war das Bürgerrecht eng mit der Steuerpflicht
verbunden. Das heißt zum Bürgerrecht gehörten untrennbar
die Bürgerpflichten, in erster Linie die Steuerpflicht und
die Wehrpflicht. Von dieser Wehrhaftigkeit des mittelalterlichen
Bürgers leitet sich letztlich sogar sein Name ab. Denn die Bewohner
einer Stadt hießen ja nicht etwa „Städter", was sprachlich nahe
gelegen hätte, sondern „Bürger", was erkennbar von dem Wort
„Burg" abgeleitet ist. Das heißt, mit diesen meist von einer
hohen Mauer umgebenen frühurbanen Gebilden assoziierte der
hochmittelalterliche Mensch eine Burg, die auch im strategischen
Kalkül der adligen Stadtgründer eine Bedeutung hatte.
Die
Gesamtheit der Bürger bildete eine „Eidgenossenschaft", also
eine durch Eid miteinander verbundene Gemeinde, die vom Stadtherrn in
gewissem Umfang Selbstverwaltungsrechte, also kommunale Autonomie
erlangte. Diese Bürgergemeinden wählten einen Ammann oder
Schultheißen, ein Gericht und einen Rat und nahmen die städtischen
Angelegenheit weitgehend in die eigene Hand. In diesen kommunalen
Strukturen war also von Anfang an ein republikanisches, wenn man so
will: ein demokratisches Element angelegt, das im Grunde einen
Gegenentwurf enthielt zu den feudalen Strukturen, die die Städte
umgaben. Dazu muss man aber sagen, dass es den kleinen
landesherrlichen Städten des 13. Jahrhunderts anders als den älteren
und mächtigeren Reichstädten nicht mehr gelungen ist, sich vom
Stadtgründer unabhängig zu machen und zu emanzipieren. In aller
Regel gelang es den adligen Stadtherren, ihre Gründungen eng an die
Kandarre zu nehmen. Sie waren es, die den Schultheißen von ihren
Gnaden einsetzten und somit die Geschicke ihrer Städte weitgehend
bestimmten. Während Reichsstädte wie Augsburg, Ulm oder Rottweil
die volle kommunale Autonomie erlangten und in ihren Mauern kleine
Republiken inmitten des feudalen Staates bildeten, ist es keiner
landesherrlichen Stadt in Württemberg gelungen, sich vom Stadtherrn
abzunabeln. Auch Sulz blieb dominiert von den Herren von Geroldseck
und war auf Gedeih und Verderb an die Geschicke dieses Adelshauses
gekoppelt, wobei die Betonung auf dem Wörtchen „Verderb" liegt.
Mit
der Gründung der Stadt Sulz im Jahr 1284 verbanden sich zwei
gegensätzliche Entwicklungstendenzen. Zum einen beeinhaltete das
Stadt- und Bürgerrecht die Chance zur Ausbildung eines
prosperierenden und selbstbewussten Bürgerstands, der aufgrund der
Marktfreiheiten Wohlstand generieren und zum identitätsstiftenden
Merkmal „seiner" Stadt werden konnte. Einen Kern dieses
Bürgertums bildeten mit Sicherheit jene schon länger ansässigen
Familien, die an den Salzpfannen teilhatten, darüber hinaus
zahlreiche Handwerkerfamilien und Fuhrunternehmer, die im Umfeld der
Salzförderung ihr Auskommen fanden. Durch gezielte Anwerbung und
Zuzug von Handwerkern wuchs die Bürgerschaft um das Jahr 1300 rasch
an. Zu diesen Zuzüglern gehörte auch die Familie Schweickher und
viele andere Geschlechter, die der Stadt Sulz über Jahrhunderte
verbunden blieben. Aus dem Reichtum der Salzpfannen und dem
Wohlstand, den das Handwerk abwarf, entwickelte sich dieses stolze
Bürgertum, das später Teil der württembergischen Ehrbarkeit werden
sollte.
Auf
der anderen Seite und im Kontrast dazu waren die Bürgerfamilien und
die Stadtoberen vollständig vom Wohl und Wehe der Stadtherrenfamilie
von Geroldseck abhängig. Dies wäre vielleicht nicht so schlimm
gewesen, wenn die Geroldsecker nicht im 14. und 15. Jahrhundert einen
dramatischen Niedergang erfahren hätten. Man kann ohne weiteres
davon ausgehen, dass sich das Sulzer Bürgertum im Spätmittelalter
deutlich kräftiger entfaltet hätte, wäre die Stadt nicht bald zum
Spielball der politischen Verwicklungen der Herren von Geroldseck
geworden. Dies trifft insbesondere für das fehdereiche 15.
Jahrhundert zu, das einem friedlichen Wirtschaftsleben wenig Raum
ließ.
Spätestens
im Jahr 1385, also genau hundert Jahre nach der Stadtgründung, wurde
anlässlich einer Herrschaftsteilung deutlich, dass die Herren von
Geroldseck in beträchtlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten
steckten. Die Besitzverkäufe häufen sich seit dem frühen 15.
Jahrhundert, auffällig ist insbesondere der Verkauf von Anteilen an
den Sulzer Salzpfannen. Das heißt, die Geroldsecker stießen damals
ihr Tafelsilber ab. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts wird in den
Quellen ein dramatischer Schuldenberg erkennbar. Allein der Graf
Alwig von Sulz, dessen Familie früher die Herrschaft besaß und der
jetzt versuchte, sie wieder zu erlangen, besaß damals geroldeckische
Schuldscheine im Umfang von 6000 Gulden. Mehr als einmal musste die
Stadtgemeinde als Bürge für ihre verschuldeten Herren auftreten. In
dieser offenkundigen Finanzmisere der Geroldsecker erregte die wegen
ihrer Saline interessante Herrschaft Sulz den Appetit potenter
Nachbarn, insbesondere der beiden Territorialherren Württemberg und
Österreich. Württemberg verstand es nach der Bubenhofen-Fehde
1423, Hans von Geroldseck durch einen Dienstvertrag von sich abhängig
zu machen. Zugleich musste dieser dem neuen Dienstherrn seine Burg
Albeck offen halten. Damit hatte Württemberg erstmals ein Bein im
Tor der Stadt Sulz.
Die
Geroldsecker wehrten sich gegen den drohenden Verlust ihrer
Herrschaft und ihrer Autonomie mit den Mitteln ihrer Zeit. Es war
insbesondere Georg von Geroldseck (1421/1449), der sich nach Art der
Raubritter gegen den drohenden Bedeutungsverlust stemmte und sich zu
diesem Zweck zeitweilig mit den berüchtigsten Haudegen seiner Zeit
verbündete, zunächst mit Graf Friedrich von Zollern, der zeitweilig
in Sulz lebte und von hier aus sein Unwesen treb, später mit Hans
von Rechberg zu Schramberg. Diese beiden hatten ihre Hand bei allen
Fehden der Zeit zwischen 1420 und 1454 im Spiel, und Georg von
Geroldseck mischte immer kräftig mit. Doch wie seine beiden Kumpane
verzehrte sich der Geroldsecker in seinem aussichtlosen Kampf gegen
das Unvermeidliche. Nach seinem Tod schlossen sich seine Brüder Hans
und Heinrich dem Hans von Rechberg in seiner Fehde gegen die
Reichsstädte 1454 an. Das machte nun aber die Stadt Sulz erneut zu
einem Angriffsziel für die Städte. Berühmt geworden ist die
listenreiche Einnahme der Stadt durch Rottweiler Söldner, die in
diesem Jahr bei Nacht und Nebel unbemerkt unter dem Schwibbogen, aus
dem das Wasser des Gewerbekanals aus der Stadtmauer austrat, in die
Stadt schlupften und die überraschten Sulzer überrumpelten. Hans
von Geroldseck und Hans von Rechberg entkamen mit knapper Not und
holten die Grafen von Württemberg zu Hilfe. Wie kompliziert die Lage
war, erkennt man daran, dass die Witwe Georgs von Geroldseck,
Margarethe von Gundelfingen, gleichzeitig den Herzog von Österreich
um Hilfe bat. Das hatte damit zu tun, dass die Geroldsecker die Stadt
Sulz in vier Vierteln unter sich aufgeteilt hatten. Die Rottweiler
kümmerten sich aber nicht darum, wessen Teil sie besetzten, da
konnte die Witwe von Gundelfingen noch so sehr klagen, dass sie und
ihr Stadtviertel mit der Fehde gar nichts zu tun hätten.
Die
Konsequenz war, dass jetzt sowohl die Württemberger wie
vorderösterreichische Truppen aus Rottenburg die Stadt belagerten
und die Rottweiler zum Abzug zwangen. Die Württemberger und die
Österreichischen zwangen daraufhin die Untertanen Heinrichs von
Geroldseck, also die Bürger eines der vier Viertel, ihnen zu
huldigen. Die Gefahr bestand, dass Sulz in dieser komplizierten
Interessenlage zwischen Württemberg und Österreich zerrissen wurde.
Das konnten die Württemberger, die ja schon längere Zeit Zugang zur
Burg Albeck hatten, aber auf keinen Fall zulassen. Das Ende der
Geschichte ist bekannt. In den folgenden Jahren erwarb Graf Eberhard
im Bart von Graf Alwig von Sulz dessen Schuldforderungen gegen Hans
von Geroldseck und versuchte sie gerichtlich durchzusetzen. Dabei
musste er rasch handeln, denn Hans, der letzte Geroldsecker in Sulz,
schaltete Österreich, Baden und die Pfalz als Vermittler ein. Um
Württembergs Ansprüche auf Sulz nicht in einem Verhandlungsmarathon
mit Mächten zerrinnen zu lassen, die selbst interessiert waren,
schuf er bei günstiger Gelegenheit vollendete Tatsachen. Unter
Berufung auf sein Öffnungsrecht auf der Burg Albeck bat Graf
Eberhard im Oktober 1471 um Zugang zur Burg. Kaum aber hatten seine
Leute die Burg betreten, besetzten sie nicht nur das Schloss, sondern
auch die Stadt Sulz und verschleppten den unglücklichen Geroldsecker
auf das Schloss Urach, wo dieser nach zwei Jahren zermürbender
Gefängnishaft der Abtretung seiner Herrschaft an Württemberg
zustimmte.
Dies
war nun wie häufig beim Aufbau des württembergischen Territoriums
nicht gerade die feine Art des Landerwerbs. Und die Zimmerische
Chronik wird auch nicht müde, diese usurpatorische Tendenz der
württembergischen Expansion zu geißeln: Also hat Würtemberg die
herrschaft Sulz auch verschluckt, wie andere grafschaften und
herrschaften mer, und: Man weist zimlicher maßen, wie das
land Würtenberg zusamen gelesen lauter grafschaften und
herrschaften... (ZChr. 1, 309, 312) Wie immer man den Übergang
der Stadt Sulz von der Herrschaft Geroldseck an Württemberg
beurteilen mag, für die Bürgerschaft war es gut, dass dieses
Jahrhundert von Unsicherheit, Fehden und Krieg zu Ende war und die
Stadt am oberen Neckar nun Teil eines prosperierenden
Territorialstaats geworden war.
Es
bedarf keiner großen Phantasie, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass
sich das Bürgertum in Sulz unter diesen politischen
Rahmenbedingungen nur schwer entfalten konnte. Die Stadt war viele
Jahrzehnte in vier Viertel geteilt, die, obwohl Angehörigen
derselben Adelsfamilie gehörend, ganz unterschiedliche Wege gingen.
Über einem der Stadtviertel wehte seit 1423 - drohend oder lockend?
- die Fahne Württembergs. Diese politisch unbefriedigende Situation
muss für die unternehmerischen Kräfte in der Stadt geradezu lähmend
gewirkt haben. Hinzu kam sicherlich eine zwiespältige
Selbstwahrnehmung des Sulzer Bürgertums in diesem Konflikt. Auf der
einen Seite mag es durchaus zum Selbstwertgefühl der Bürger
beigetragen haben, dass die Stadt und einzelne reiche Familien in der
Lage waren, die geroldseckichen Anteile an der Salzproduktion nach
und nach zu erwerben und immer wieder für die pekuniären
Schwierigkeiten der Stadtherren zu bürgen. Auf der anderen Seite
muss es unglaublich demütigend gewesen sein, in regelmäßigen
Abständen zum Spielball ihrer Fehden und Intrigen zu werden und
gelegentlich von fremden Mächten unter Waffengewalt zu Unterwerfung
gezwungen zu werden. Man kann sich also durchaus vorstellen, dass die
Sulzer Bürger ein Ende der geroldseckischen Stadtherrschaft herbei
gesehnt haben. Ob sie deshalb im Jahr 1471 mit überschwänglicher
Freude Württemberger geworden sind, ist eine andere Frage.
Es
ist unter den geschilderten Umständen erstaunlich, dass sich im
Bürgertum der Stadt Sulz während des 15. Jahrhundert trotz allem
eine gewisse Prosperität bemerkbar macht. Dies hatte insbesondere
mit dem Salzhandel zu tun, der wie gehört stärker als zuvor in
bürgerlicher Hand war. Im 16. Jahrhundert besaßen nicht weniger als
19 Sulzer Familien Anteile an der Saline. Einige dieser bürgerlichen
Familien, die mit Salinenanteilen reich geworden waren, schafften im
Spätmittelalter sogar den Sprung in den Adelsstand, so die bekannte
Familie Gut von Sulz. An dieser Familie lässt sich zeigen, dass das
Adelsideal trotz der gerade in Sulz mit Händen zu greifenden
„Adelskrise" für die reichen Bürgerfamilien durchaus
erstrebenswert erschien. Die Familie Gut lässt sich bis ins Jahr
1278, also noch vor die Stadterhebung von Sulz zurückverfolgen. Im
14. Jahrhundert war sie in Sulz und Horb verbürgert, später nur in
Sulz. Die Familie besaß Anteile an der Saline und erwarb großen
Grundbesitz in der Umgebung. Jakob Gut von Sulz besaß um 1478 drei
Häuser in Sulz. Dieser Reichtum machte es möglich, in Adelsfamilien
einzuheiraten. Im 15. Jahrhundert firmierten ihre männlichen
Angehörigen als Junker. Im Jahr 1534 erwarb die Familie Gut mit dem
Dorf Durchhausen bei Tuttlingen einen adligen Landsitz. Die Gut von
Sulz führten somit eine Existenz zwischen Stadtadelsfamilie und
Landadel. Auch wenn mit dem Erwerb des Landguts ein Rückzug aus der
Stadt angelegt war, blieb die Familie Gut weiterhin als bedeutendster
Salinenteilhaber in Sulz präsent. Dem jeweiligen Oberhaupt der
Familie Gut von Sulz gebührte in württembergischer Zeit (ab 1473)
das Recht, alljährlich am Neujahrstag im Namen der
Salzgesödsverwandten das Salzlehen aus der Hand des Herzogs in
Empfang zu nehmen. So blieb also auch diese nobilitierte
Bürgerfamilie Bestandteil der Sulzer Bürgerschaft. Der bedeutendste
Angehörige dieser Familie war übrigens Johann Jakob Gut von Sulz
(1543-1616) (ein Zeitgenosse des eingangs erwähnten Salomon
Schweigger). Dieser machte Karriere am Hof des Herzogs Ludwig von
Württemberg, dessen Kammermeister er war. Berühmt wurde Johann
Jakob Gut von Sulz durch sein umfangreiches Kunstkabinett, eine
„Wunderkammer", die mehr als 20.000 Gegenstände aller Art
umfasste. Diese Kunstsammlung fiel nach dem Aussterben der Familie
1653 an den Herzog Eberhard III. von Württemberg und wurde später
ein Grundstock des Württembergischen Landesmuseums. (Sulz, 135;
286-288; Hermann)
Was
hat die Zugehörigkeit zu Württemberg der Stadt Sulz unter der
Fragestellung der bürgerlichen Freiheit gebracht? Zunächst einmal
bleibt festzuhalten, dass die Stadt Sulz im Jahr 1471 erstmals in
einem größeren Flächenstaat aufging, der 1495 durch die Erhebung
zum Herzogtum die besten Entwicklungsmöglichkeiten erhielt. Auf der
anderen Seite hatte dieser Staat wegen seines Expansionsdrangs und
des feudalen Repräsentationsaufwands seiner Herzöge einen enormen
Schuldenberg angehäuft. Das heißt, die Stadt Sulz war zwar in einem
größeren Flächenstaat aufgegangen, aber sie befand sich gegenüber
dem größeren Staat auch in wesentlich größerem Maßstab im alten
Dilemma. Sulz war 1471 gerade rechtzeitig in Württemberg
eingegliedert worden, um sogleich mit dem württembergischen
Steuersystem Bekanntschaft zu machen. Der Staat führte damals in
allen württembergischen Ämtern eine so genannte Schatzung durch,
das war eine außerordentliche Steuererhebung in Höhe von 5 % des
Vermögens aller Haushalte. Damals wie heute hatten die Menschen
durchaus Verständnis dafür, dass sie dem Staat Steuern schuldeten,
damit dieser seinen öffentlichen Aufgaben gerecht werden konnten.
Die Bürger hatten aber damals wie heute kein Verständnis dafür,
wenn sie zur Kasse gebeten wurden, weil der Herzog in
verschwenderischer Weise Schulden aufhäufte.
Genau
dieser Fall trat aber ein, als Herzog Ulrich im Jahr 1514 die Maße
verschlechterte und die Verbrauchssteuern erhöhte, um Württemberg
vor dem Staatsbankrott zu retten. Er löste damals mit seiner
Steuererhöhung eine allgemeine Rebellion der württembergischen
Untertanen aus, die unter dem Namen „Der Arme Konrad" in die
Geschichte eingegangen ist. Es ist hier nicht der richtige Ort, um
diese Aufstandsbewegung in aller Breite darzulegen, es muss reichen
zu erwähnen, dass Sulz mit seinem Umland wie die Nachbarämter
Balingen, Rosenfeld und Dornhan selbstverständlich in den Aufruhr
involviert war. Von Interesse für unsere Fragestellung ist, wie die
württembergische Krise von 1514 gelöst wurde. Herzog Ulrich gelang
es mit dem Tübinger Vertrag vom 8. Juli 1514 das Land zu befrieden,
weil er in einem geschickten Schachzug die Ehrbarkeit des Landes,
also die bürgerliche Führungsschicht der Landstädte, vom breiten
Bürgertum zu separieren verstand. Die reichen Bürger versprachen
dem verschwenderischen Herzog seine Schulden in Höhe von 940.000
Gulden zu übernehmen, wenn sie dafür im Gegenzug weitgehende
Mitspracherechte in der Landespolitik bekämen. Man hat den Tübinger
Vertrag gelegentlich als die „Magna Charta" Württembergs
angesprochen, in der das Bürgertum im Landtag seine demokratischen
Partizipationsrechte verbrieft erhielt. Dies stimmt nur insoweit, als
die mächtigen Familien der Ehrbarkeit, die in den Landstädten
ohnehin das Sagen hatten, nun aufgrund ihrer wirtschaftlichen Potenz
Zugang zum Stuttgarter Landtag erhielten. Die breite Masse des vom
Handwerkerstand getragenen Bürgertums blieb von diesem
verfassungsrechtlichen Fortschritt ausgenommen.
Im
Grunde schrieb der Tübinger Vertrag eine sozioökonomische
Entwicklung fest, die ohnehin im Gange war. Er begünstigte jenen
Teil des Bürgertums, der in den vergangenen Jahrzehnten nach oben
gespült worden und allzu gern bereit war, sich den feudalen
Strukturen unterzuordnen, weil er davon profitierte. Das heißt auf
Sulz bezogen, es profitierten von dieser Entwicklung Bürgerfamilien
wie die Gut von Sulz, die sich ohnehin schon in die Adelssphäre
verabschiedet hatten, während die gewöhnlichen Bürger nur sehr
mittelbar etwas davon hatten. Insgesamt war die Entwicklung der Stadt
Sulz - analog zu den meisten württembergischen Städten - von
zwei Tendenzen geprägt: Mit der Entwicklung Württembergs zum
absolutistischen Mittelstaat wurden seine Bürger zu bloßen
Untertanen degradiert, das republikanische Element der Kommunen wurde
für Jahrhunderte gehemmt. Das obrigkeitliche Übergewicht gegenüber
den bürgerlich-kommunalen Kräften spiegelt sich beispielsweise in
der wirtschaftlichen Entwicklung der Saline Sulz. Hatten wir
festgestellt, dass im Zuge des Niedergangs des Hauses Geroldseck die
Sulzer Bürger immer mehr Anteile an den Salzpfannen erwarben, so
setzte im 16. Jahrhundert die gegenläufige Bewegung ein. Hielten im
Jahr 1579 noch mindestens 19 Sulzer Bürger Anteile an der Saline,
die Herrschaft aber fast nichts, so besaß im Jahr 1602 der Herzog
bereits ein Sechstel der Saline. Hundert Jahre später, im Jahr 1707
gehörte der Herrschaft genau die Hälfte des Salinenkapitals,
während die Kommune noch rund ein Achtel, die Bürger aber drei
Achtel der Anteile hielten. Keine dreißig Jahre später, 1735, war
die Herrschaft vollends im Besitz der gesamten Saline.
Dieser
vollständige Besitzwechsel aus der Hand des Bürgertums in die
Verfügung des Staates war auch Ergebnis dramatischer
wirtschaftlicher Einbrüche. Denn dies ist das zweite Merkmal unserer
Geschichte in der Frühen Neuzeit: es war eine Zeit großer
politischer Katastrophen wie des Dreißigjährigen Krieges
(1681-1648) und tragischer Unglücksfälle wie der Stadtbrände von
1581, 1720 und 1794. Nicht von ungefähr erlangte das herzogliche
Haus nach dem Stadtbrand von 1581 erstmals Zugriff auf die Saline.
Der Dreißigjährige Krieg, der viele Bürgergeschlechter ruinierte,
hat diese Entwicklung beschleunigt. Und der Stadtbrand von 1720 zwang
die letzten bürgerlichen Anteilseigner zur Veräußerung ihrer
Salinenanteile. Welche Katastrophe das kriegerische 17. Jahrhundert
für die Stadt Sulz und sein Bürgertum bedeutete, kann man nicht nur
an diesem ökonomischen Merkmal verdeutlichen, sondern auch an der
demographischen Entwicklung. Sulz beherbergte am Vorabend des
Dreißigjährigen Krieges (um 1618) annähernd 1300 Menschen, am Ende
des Krieges nur noch etwa halb so viele (680 Menschen, was dem
württembergischen Durchschnitt entspricht).
Dies
alles trug dazu bei, dass Sulz im 18. Jahrhundert von seiner
sozioökonomischen Zusammensetzung her zu einer typischen
Handwerkerstadt geworden war, die um 1730 mit 181 Handwerkern
eigentlich „übersetzt" war. Richtig reiche Leute waren nicht
darunter, zu den wohlhabendsten Sulzern zählten einige Wirte,
Bierbrauer und Schmiede, der ein oder andere Barbier, Kürschner,
Küfer oder Gerber. Über diesem sehr breit gefächerten
Handwerkerstand existierte um 1730 nur eine ausgesprochen kleine
Schicht von Handelsleuten, so die Familien Vaihinger und Dollmetsch
und der Apotheker Gottlieb Haupt. Diese drei Familien zahlten damals
die höchsten Steuern.
Noch
ein Wort zu den Stadtbränden: In der Stadtgeschichte von 1984 kann
man anlässlich des Themas Stadtbrand von 1794 lesen, in welcher
Rekordzeit der Wiederaufbau der Stadt abgewickelt wurde. Schon ein
Jahr nach dem Brand waren die meisten Häuser wieder bezogen. Ohne
diese in der Tat enorme Leistung der Sulzer Bürger schmälern zu
wollen: Aber in anderen Städten haben die Bürger nach
vergleichbaren Stadtbränden den Wiederaufbau teilweise in noch
schnellerer Zeit geschafft. In Ehingen/Donau konnten die Bürger nach
dem verheerenden Brand vom März 1749 schon im Oktober des Jahres die
neuen Gasthäuser besuchen. Stadtbrände waren im ganzen Reich
während der Frühen Neuzeit ständig wiederkehrende Ereignisse, die
buchstäblich an die Grundfesten der menschlichen Existenz rührten.
So brannte es beispielsweise - um nur ein paar Beispiele aus der
Umgebung anzuführen - 1533 und 1591 in Schiltach, 1546, 1607, 1672
und 1724 in Balingen, 1684 und 1868 in Rosenfeld, 1637 und 1718 in
Dornhan und 1750 in Schömberg. Wollte ich alle Brandjahre
württembergischer Städte verlesen, wäre dies eine abendfüllende
Veranstaltung. Trat eine solche Brandkatastrophe ein, so lag es
sowohl im Interesse der Obrigkeit wie der betroffenen Bürger, die
Stadt schnellstmöglich wieder aufzubauen. Sammel- und Bettelpatente
des Landesherren erlaubten es den Städten zusätzlich zu den
Versicherungssummen und staatlichen Zuschüssen im ganzen Reich Geld
für den Wiederaufbau einzusammeln. Bemerkenswert ist es auch, wie in
solch existenzieller Tragik die Menschen über Konfessionsgrenzen
hinweg bereitwillig halfen und spendeten. Wenn wir uns erinnern, dass
zur Definition des Bürgers in alter Zeit die „Haushäblichkeit"
gehörte, so liegt es auf der Hand, dass ein Stadtbrand wie der
Sulzer von 1581 oder 1794 eine ganze Bürgerschaft aus ihrer
Verankerung riss. Die Menschen waren durch den Verlust ihrer Häuser
ihrer bürgerlichen Existenz beraubt und auf ihre nackte menschliche
Existenz reduziert. Ein Bürger ohne Haus: das war wie der Kaiser
ohne Krone. Die Wiederherstellung bürgerlichen Status erforderte
geradezu die rasche Intervention aller Beteiligten.
Der
Sulzer Stadtbrand von 1794 wurde ganz unerwartet zum Fanal einer
neuen Zeit. Denn kaum war die Stadt wieder errichtet, standen
erstmals die Franzosen ante portas, um die Fackel der Revolution von
1789 nach Südwestdeutschland trugen. Die Zeit der absolutistischen
Feudalstaaten war vorbei, als Napoleon 1806 das Heilige Römische
Reich deutscher Nation zerschlug und die deutschen Mittelstaaten wie
das zum Königtum erhobene Württemberg von sich abhängig machte.
Die Moderne kehrte in Württemberg ein, als mit dem Code Napoleon ein
durchaus bürgerliches Gesetzbuch Geltung erlangte. In gewisser Weise
hatte Sulz den Weg in die Moderne angetreten, als man beim
Wiederaufbau der Stadt 1794 den mittelalterlichen Grundriss zugunsten
einer rationaleren geometrischen Planung aufgab und damit so etwas
wie eine Musterstadt schuf. Was aber brachte der Anbruch der Moderne
den Bürgern von Sulz?
Allgemein
lernen wir, dass das 18. Jahrhundert mit der Aufklärung den Anbruch
der „bürgerlichen Gesellschaft" gebracht habe. Napoleons
Eingriff in die deutsche Geschichte und die Beseitigung überkommener
feudaler Strukturen haben diese Entwicklung sicherlich gefördert.
Aber was eine Region oder eine Stadt aus den neuen gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen nach 1806 zu machen verstand, hing wesentlich von
den lokalen Voraussetzungen ab. Es gehört für mich zu den
unbeantworteten Fragen, warum eine Stadt wie Sulz praktisch das
gesamte 19. Jahrhundert stagnierte und vergebens auf den
wirtschaftlichen Aufschwung wartete. Während in Deutschland
insgesamt sehr plötzlich um das Jahr 1860 der Durchbruch der
Industrialisierung erfolgte - man spricht in Anlehnung an den
Startvorgang bei Flugzeugen von einem Take-off -, erreichte die Stadt
Sulz diesen Status erst mit einer Phasenverschiebung von rund 40
Jahren.
Ohne
die Frage dieser wirtschaftlichen Stagnation im Rahmen eines
Festvortrags klären zu können, lassen sich doch verschiedene
Ursachen benennen. Zunächst einmal ist zu bemerken, dass die Saline,
Jahrhunderte lang das Salz der Sulzer Geschichte, erschöpft war. Die
Produktion dümpelte nach Anbruch des 19. Jahrhunderts vor sich hin
und wurde bald nach 1860 eingestellt. Um diese Zeit herum erlebte
zwar die Flößerei auf dem Neckar eine letzte Blüte, sie konnte
aber den Ausfall der Saline wirtschaftlich nicht ersetzen und geriet
nach dem Eisenbahnbau der 60-er Jahre als veraltete Transportform
selbst zur wirtschaftsgeschichtlichen Randnotiz. Diese beiden
untergehenden Wirtschaftssegmente konnten nicht dauerhaft durch
frühindustrielle Technologien ersetzt werden. Warum beispielsweise
die Baumwollmanufaktur, die in Sulz seit 1744 von der Familie Mebold
betrieben wurde, trotz günstiger Wasserkraftverhältnisse nicht Fuß
fassen konnte, bleibt rätselhaft. Jedenfalls siedelte Gottlieb
Mebold im Jahr 1822 nach Heidenheim über und verhalf dieser Stadt
auf der Ostalb mit der Württembergischen Cattun-Manufaktur zu einem
frühindustriellen Boom. Seine Heimatstadt Sulz hatte das Nachsehen.
Glücklos verlief 1835 auch die Gründung des „Schwarzwälder
Boten", der schon im Jahr darauf wegen finanzieller Schwierigkeiten
an Wilhelm Brandecker in Oberndorf verkauft wurde und dann in der
Nachbarstadt reussierte.
Es
gab in der vom Kleinbürgertum geprägten Landstadt Sulz um die Wende
vom 18. zum 19. Jahrhundert kaum unternehmerische Kräfte,
Handelsleute oder frühe Kapitalisten. Die Crème des Sulzer
Bürgertums bestand aus zwei Händen voll bildungsbürgerlicher
Honoratioren. Dazu zählten Pfarrer, Apotheker und Verwaltungsbeamte.
Es ist bezeichnend dass Sulz gegen Ende des 18. Jahrhunderts nicht
wegen wirtschaftlicher Innovationen Aufsehen erregte, sondern wegen
seines tüchtigen Oberamtmanns Georg Jakob Schäffer (1745-1814), dem
es mit seinen fortschrittlichen kriminologischen Methoden im Jahr
1787 gelang, den berüchtigten Räuberhauptmann Hannikel an den
Sulzer Galgen zu bringen. Die gescheiten Söhne der guten Sulzer
Bürgerfamilien machten auswärts Karriere. Ich denke nur an den Sohn
des Posthalters und Rosenwirts, Johann Michael Armbruster
(1761-1814), der es zum österreichischen Hofsekretär brachte, oder
an den Apothekersohn und Naturwissenschaftler Joseph Gottlieb
Kölreuter (1733-1806), der sich im fernen Petersburg und in
Karlsruhe als Botaniker einen Namen machte. Ein weiteres Beispiel
liefert Carl Ferdinand Heinrich (von) Ludwig (1784-1847), der es als
Sohn eines geistlichen Verwalters in Sulz in der Kapkolonie als
Geschäftsmann und Gründer eines Botanischen Gartens zu Ruhm und
Reichtum brachte. Ludwig, der später sogar vom württembergischen
König geadelt wurde, blieb seiner Heimat immer verbunden. Nach einem
Neckar-Hochwasser 1824 spendete er der Heimatstadt 300 Gulden, 1830
gründete er in Sulz mit 1000 Gulden eine Schulstiftung für begabte
Schüler. Wer fühlt sich bei der Lebensgeschichte Carl Ferdinand von
Ludwigs nicht an den eingangs vorgestellten Salomon Schweigger
erinnert, der nach fernen Welten strebend, sich doch immer der Heimat
verbunden fühlte? Und wem fällt bei diesen Beispielen nicht jener
weitere Orientreisende ein, der sich in den Jahrzehnten um 1900 einen
Namen als bedeutender Orientmaler machte: an Gustav Bauernfeind
(1848-1904). Dieser Sohn eines Sulzer Apothekers brach im Jahr 1880
erstmals nach Palästina auf und siedelte später mit Frau und Kind
ganz nach Jerusalem über. Sulz brachte also reichlich kluge Köpfe,
Wissenschaftler, Geschäftsleute, Kulturschaffende hervor, die es in
der Welt „draußen" zu etwas brachten, aber die Stadt selbst kam
bis zum Jahrhundertende nicht recht voran. Doch dann kam endlich die
Wende.
Während
Gustav Bauernfeind im Jahr 1897 Vorbereitungen traf für seine zweite
Palästinareise, verhandelte der rührige Sulzer Stadtschultheiß
Karl Wilhelm Malmsheimer (1892-1924) mit den Brüdern Markus und
Julius Stehle wegen der Errichtung einer mechanischen Weberei in
Sulz. Das Stadtoberhaupt machte den auswärtigen Unternehmern sehr
weitgehende Zugeständnisse, was die Grundstückspreise und die
künftigen Gewerbesteuern anging. Im Protokoll von 1897 heißt es:
„Die materiellen Opfer... wurden von den bürgerlichen Kollegien
einstimmig und gerne verwilligt..." in der Hoffnung, dass „sich
die Opfer durch Hebung der volkswirtschaftlichen Verhältnisse bald
wieder bezahlt machen". Das war der Startschuss für die
Buntweberei, die auf Jahrzehnte hinaus zum wirtschaftlichen Rückgrat
der Stadt werden sollte. Und als schon in den Jahren 1898/1904 der
Straßburger Christian Bertrand und sein Compagnon Carl Baum in Sulz
die „Süddeutsche Möbelfabrik" eröffneten, war das
Industriezeitalter endgültig in Sulz eingekehrt. Als am 18. Oktober
1899 das letzte Neckarfloß - und mit ihm die alte Zeit - aus Sulz
verabschiedet wurde und am 9. Oktober 1899 fast gleichzeitig die
Neckarpromenaden erstmals von elektrischem Licht erstrahlten, war die
Stadt Sulz rechtzeitig zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Moderne
angekommen.
In
der Bevölkerungsentwicklung des 19. Jahrhunderts spiegelt sich die
beschriebene Stagnation und der Aufbruch deutlich wieder. Die Stadt
Sulz beherbergte im Jahr 1811 2001 Einwohner. Während in der ersten
Jahrhunderthälfte die Einwohnerzahlen in froher Erwartung des
Aufschwungs bis 1851 auf 2261 Personen anstiegen, fielen sie dann
dann bis zum Jahr 1900 auf nur noch 1954 zurück. Zu diesem Rückgang
trug die massenhafte Auswanderung verarmter Familien oder politisch
enttäuschter Bürger bei. Erst nach der Etablierung erfolgreicher
Industriebetriebe stiegen die Bevölkerungszahlen wieder sprunghaft
an. Im Zuge der politischen Weichenstellungen seit 1806 wandelte sich
der Status des Bürgers und der Begriff des Bürgertums entscheidend.
Seit der Stadterhebung im Jahr 1284 und bis zum Untergang des alten
Reiches galt als „Bürger", wer als Hausbesitzer und Hausvater
einer „Herdstätte" vorstand und somit Steuern zahlte.
Bezugspunkt dieses Bürgerbegriffs war die jeweilige Geburtsstadt. Im
Laufe des 19. Jahrhunderts weitete sich der Bürgerstatus zunächst
auf alle Personen männlichen Geschlechts aus. Auch Besitzlose und
Fabrikarbeiter waren in diesem Sinne Bürger und nach Einführung des
allgemeinen Wahlrechts wahlberechtigt. Auf die Frauen wurde der volle
Bürgerbegriff erst in der Weimarer Verfassung von 1919 ausgedehnt.
Bildete der alte „Stadtbürger" den Kern kleiner kommunaler, wenn
man so will: republikanischer Inseln in einem feudalen Staat, so hat
sich der moderne „Staatsbürger" zur Keimzelle eines
demokratischen Staatswesens entwickelt. Bürger sind wir nicht mehr
allein in Bezug auf eine konkrete Stadt, sondern in Bezug auf einen
Staat, dem wir Steuern zahlen. Und wir stehen heute sogar an der
Schwelle zum „Weltbürgertum", dies ums mehr als seit dem Jahr
2008 erstmals die Hälfte der Menschheit in urbanen Zentren lebt.
Diese positive Entwicklung enthält jedoch auch einen problematischen
Aspekt. Während bei unseren früheren Weltreisenden Salomon
Schweigger, Baron Ludwig oder Gustav Bauernfeind die innere Bindung
an ihre Heimatstadt auch in der Fremde nicht schwand, so zählt es
für unsere modernen Kommunen zu den zentralen Herausforderungen, die
Identifikation „ihrer" Bürger mit ihrer Stadt auch in Zeiten der
Globalisierung aufrecht zu erhalten. Als „Weltbürger" steht es
heute jedem von uns frei, zu jedem beliebigen Zeitpunkt an jeden
beliebigen Ort der Welt zu reisen, während sich das Gefühl der
Bindung an eine Heimat verflüchtigt. Die Rückbindung der vielen
„Weltbürger" an ihre kleine städtische Lebenswelt ist eine
wichtige Aufgabe unserer Zeit. Und Veranstaltungen wie diese tragen
zur Bewältigung dieser Aufgabe bei.
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